Lernen mit Lernleitern

Ausgangspunkt des Systems Lernleitern ist die Idee des aktivitätsbasierten Lernens. Die Kinder – nicht die Lehrkraft – organisieren ihren Lernprozess selbst. Möglich ist das, da der nationale Lehrplan eines bestimmten Fachs in einen Lernplan umgewandelt wurde. Diese visualisierten Lernpläne werden als Lernleitern bezeichnet und schaffen Orientierung und Struktur. Das Design und die Anlage der Lernleitern für die mobilen Schulen der Daasanach greift bewusst die Kultur der Wanderhirten auf und ist in der Form eines Weges gehalten. Die Kinder folgen den Fußstapfen von einem kurzzeitigen Camp zum nächsten und begegnen in jeder Ansiedlung einem neuen Lerninhalt. Mit einem durchdachten Logo- und Farbsystem sowie bebilderten Instruktionskarten werden die Kinder von der Lernleiter zu den Aufbewahrungstaschen, den Lernmaterialien und zur Aktivität an sich geleitet. Alle Lernaktivitäten sind freudvollen Spielsituationen nachempfunden, die je nach kulturellem Kontext deutlich variieren.

In den mobilen Schulen wird die Lernaktivität entweder alleine, mit einem Partner, in einer Gruppe oder mit der Lehrperson durchgeführt – je nach didaktischer Anlage. Die Lehrperson begleitet die Kinder und unterstützt, wenn diese ein Problem nicht selbstständig lösen können. Ein integriertes Helfersystem und Selbstevaluationen, sowie regelmäßiges Lehrerfeedback sichert den selbstregulierten Lernprozess eines jeden Kindes ab. Die Lernenden werden schrittweise in die Eigenverantwortung begleitet, da sie einen Überblick über ihr Voranschreiten auf der Lernleiter haben. Auch die natürliche Heterogenität von Lerngruppen und frühzeitiger Schulabbruch sind kein unüberwindbares Problem mehr, da die Lernumgebung systematisch, methodisch und materiell so gut ausgestattet ist, dass die Kinder ihren Lernprozess entsprechend ihrer persönlichen Bedürfnissen und Lebensumstände unterbrechen und wieder aufgreifen können. Dies ist bei Daasanach Kinder beispielsweise der Fall, wenn sie einige Tage mit den Kleintieren umsiedeln und dann zum Lernen zurückkehren.

Da in den mobilen Schulen die Kinder aktivitätsbasiert lernen und es keiner permanenten, direkten Instruktion bedarf, wird die Lehrperson maßgeblich entlastet und kann sich darauf konzentrieren, einzelne Kinder zu unterstützen, sowie den täglichen Auf- und Abbau des mobilen Lernarrangements zu organisieren. Die Lernmaterialien werden in transportablen Taschen aufbewahrt und in Bäumen und Büschen befestigt. Die Lehrkraft beginnt und beendet das tägliche Lernleiterangebot der Kinder jeweils mit einer Plenumsrunde, in denen gemeinschaftsfördernde Rituale wie Singen, Erzählen, Beten und Geschichten lesen gefeiert werden und Reflexions- und Feedbackphasen eingebettet sind.

Da das Bildungsangebot von INES speziell für mobile Gemeinschaften konzipiert ist, müssen die Lehrpersonen selbst auch mobil leben. Die Wanderhirten wählen daher selbst Personen aus ihrer Mitte aus, die dann die INES Lehrerausbildung durchlaufen. Die Ausbildung ist „on the Job“ konzipiert, in Module gegliedert und an den mobilen Lebensstil der Pastoralisten angepasst – dies bedeutet, dass sich theoretische Einheiten im entstehenden Lehrerbildungszentrum in Illeret und praktische Einheiten, in denen die Neulehrer schrittweise ihre eigene mobile Schule etablieren, abwechseln.

Zwei Lernleitern, die Introduction Lernleiter und die Daasanach Lernleiter zum Schriftspracherwerb in der Muttersprache, sind schon in den mobilen Schulen im Einsatz. Momentan arbeitet das internationale Team intensiv an Milestones im Bereich Mathematik.